Barrierefreiheits-Check 2026: Deutschland macht Fortschritte, verfehlt aber den Standard

Acht Monate nach Inkrafttreten des neuen Gesetzes zur digitalen Barrierefreiheit zeigt sich ein klares Bild: Es gibt messbare Verbesserungen, doch eine flächendeckende digitale Zugänglichkeit ist noch nicht erreicht.
Wir haben 245 Websites aus zehn zentralen Branchen untersucht und mit identischer Methodik wie im März 2025 erneut ausgewertet. Der Anteil vollständig barrierefreier Websites ist innerhalb eines Jahres von 6,53 Prozent auf 11,84 Prozent gestiegen. Damit hat sich der Wert nahezu verdoppelt. Dennoch erfüllt weiterhin nur rund jede achte Website die höchsten gesetzlichen Standards.


Vergleichbarkeit und Methodik

Für unsere Analyse haben wir Websites aus Bereichen ausgewählt, die für breite Teile der Gesellschaft zentral sind: Universitäten, Stadtverwaltungen, Arztpraxen, Apotheken, Onlineshops, E-Mail-Provider, Immobilienunternehmen, Verkehrsbetriebe, Anwaltskanzleien und Vereine der Bundesliga.
Die technische Bewertung erfolgte mithilfe des Google-Lighthouse-Tools. Entscheidend war für uns die Vergleichbarkeit: In beiden Erhebungszeiträumen wurde dieselbe Auswahl an Websites untersucht. Veränderungen lassen sich dadurch eindeutig auf tatsächliche Entwicklungen zurückführen, nicht auf veränderte Stichproben. Der Lighthouse-Score bildet die technische Basis ab, eine manuelle Prüfung könnte weitere Barrieren aufdecken.


Die Qualität steigt, aber nur an der Spitze

Neben der Zunahme vollständig barrierefreier Websites zeigt sich eine generelle Qualitätsverbesserung. Der Anteil der Seiten mit mindestens 90 von 100 Punkten ist von 29,8 Prozent auf 44,08 Prozent gestiegen. Gleichzeitig erhöhte sich der durchschnittliche Lighthouse-Wert aller untersuchten Websites von 85,2 auf 89,06 Punkte.
Extrem niedrige Bewertungen sind nahezu verschwunden. Während im Vorjahr noch einzelne Websites unter 50 Punkten lagen, erreicht aktuell keine der analysierten Seiten mehr eine derart geringe Bewertung. Grundlegende technische Defizite werden also zunehmend behoben.
Gleichzeitig bleibt die vollständige Umsetzung barrierefreier Standards die Ausnahme. Die Verbesserungen konzentrieren sich vor allem im oberen Bewertungsbereich. Der letzte Schritt zur vollständigen Barrierefreiheit wird häufig nicht konsequent umgesetzt.

Öffentlicher Sektor mit klarer Entwicklung

Besonders deutlich ist die Dynamik im öffentlichen Bereich. Universitäten steigern die Zahl vollständig barrierefreier Websites von zwei auf sechs. Auch Stadtverwaltungen verbessern sich von drei auf sechs Seiten mit maximaler Bewertung. Der öffentliche Personennahverkehr erhöht die Zahl der 100-Punkte-Seiten von fünf auf sieben.
Bei den Durchschnittswerten liegen diese Bereiche ebenfalls vorne. Universitäten erreichen 91,86 Punkte, Immobilienunternehmen 91,81 Punkte, ÖPNV-Anbieter 91,73 Punkte und Stadtverwaltungen 91,26 Punkte. Diese Zahlen sprechen für eine systematischere und strategischere Auseinandersetzung mit digitalen Zugangsstandards im öffentlichen Umfeld. Dennoch bleibt auch hier die konsequente Umsetzung höchster Barrierefreiheitsstandards bislang nicht flächendeckend erreicht.

Gesundheits- und Servicebereiche mit geringerer Dynamik

Weniger Bewegung zeigt sich im Gesundheitsbereich. Arztpraxen erreichen erneut keine vollständig barrierefreie Website und liegen im Durchschnitt bei 84,79 Punkten. Apotheken kommen auf 85,77 Punkte und verzeichnen lediglich eine Website mit maximaler Bewertung.
Auch bei E-Mail-Providern ist keine erkennbare Verschiebung im Spitzenfeld zu beobachten. Sie stagnieren bei zwei Höchstbewertungen und erreichen durchschnittlich 85,88 Punkte.
Onlineshops entwickeln sich moderat positiv. Die Zahl vollständig barrierefreier Websites steigt von einer auf drei, der Durchschnittswert verbessert sich auf 89,32 Punkte. Anwaltskanzleien erhöhen ihren Durchschnittswert auf 89,58 Punkte, verlieren jedoch eine Höchstbewertung im Vergleich zum Vorjahr. Immobilienunternehmen erreichen inzwischen eine vollständig barrierefreie Website und zählen mit 91,81 Punkten zu den Spitzenreitern. Bundesliga-Vereine verbessern ihre Werte leicht, bleiben mit einem Durchschnitt von 88,66 Punkten jedoch hinter den führenden öffentlichen Einrichtungen zurück.

„Digitale Barrierefreiheit ist keine technische Detailfrage, sondern eine strukturelle Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe“, erklärt Sara Ramzani, Professorin für Forschung und quantitative Methoden sowie Leiterin des Business Departments an der Gisma University of Applied Sciences. „Wenn Websites nicht zugänglich sind, schließen sie Menschen systematisch aus, darunter Personen mit Behinderungen, ältere Nutzerinnen und Nutzer, internationale Studierende oder Menschen mit temporären Einschränkungen. Unsere Daten zeigen Fortschritte, aber sie machen ebenso deutlich, dass vollständige digitale Inklusion noch nicht erreicht ist. Organisationen, die Barrierefreiheit konsequent umsetzen, stärken nicht nur ihre rechtliche Sicherheit, sondern auch ihre Innovationskraft, Nutzerorientierung und internationale Wettbewerbsfähigkeit. Auffällig ist insbesondere, dass viele Organisationen technisch bereits sehr nah an vollständiger Barrierefreiheit sind, die vollständige Konformität jedoch knapp verfehlen“, ergänzt Professorin Ramzani. „Das deutet darauf hin, dass die verbleibenden Hürden weniger in der technologischen Machbarkeit liegen, sondern vielmehr in Priorisierung, Sensibilisierung und Governance-Strukturen. Die Schließung dieser letzten Lücke erfordert keinen grundlegenden Umbau, sondern klare Verantwortlichkeiten und ein nachhaltiges Commitment auf organisatorischer Ebene.“

Über die Untersuchung
Die Analyse basiert auf einer standardisierten Bewertung mit dem Google-Lighthouse-Tool. Untersucht wurden jeweils die Startseiten von 245 Websites aus zehn Branchen: E-Mail-Provider, Online-Apotheken, Immobilienunternehmen, Bundesliga-Vereine, die 30 größten Universitäten, ÖPNV-Anbieter, Stadtverwaltungen der 30 größten Städte, die 50 größten Onlineshops, Arztpraxen sowie Anwaltskanzleien der 30 größten Städte.


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